Ziel des Projekts war es, durch rechtzeitige und effiziente Intervention Kinder so zu fördern, dass gute bio-psycho-soziale Voraussetzungen für effektives Lernen gelegt und – schließlich – der körperliche wie geistige Bildungsgrad gleichermaßen verbessert werden. Gelänge dies, so wäre eine nachhaltige Stärkung der Humanressourcen in den Feldern Gesundheit, Lebensqualität und Wirtschaft möglich. Das „Pfiffikus“-Konzept basiert dabei auf einem neurophysiologischen Theorieansatz, Kinder sowohl auf körperlicher wie geistiger Ebene in ihrer Hirnreifung frühzeitig zu fördern und so die Voraussetzungen für ihren Lebenserfolg zu verbessern. Projektpartner waren und sind die AOK – Die Gesundheitskasse des Landes Brandenburg, das Brandenburgische Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, der Internationale Bund als bedeutender bundesweiter Träger von Kindereinrichtungen und für Idee, Konzipierung, Durchführung und wissenschaftliche Begleitung die Universität Potsdam (Institut für Sportmedizin und Prävention).
Die Förderung basierte darauf, möglichst solche Bewegungsanforderungen an die Kinder zu stellen, die das sensomotorische System und damit die Hirnaktivität des Kindes stark fordern (Neuromotorik) und gleichzeitig weitere Sinnes- und geistige Leistungen abzurufen. Damit sollte insbesondere die Reifung der Hirnstrukturen möglichst vielseitig stimuliert werden.
Von 2002 bis 2005 wurde „Pfiffikus“ in vier Potsdamer Kindergärten durchgeführt. Über die regulären Personalbestand der Kitas wurden die Übungsinhalte der Neuromotorik schrittweise in den Kita-Alltag integriert. Es handelte sich also nicht um eine zusätzliche Intervention (z.B. eine zusätzliche Bewegungsstunde), sondern um die organische Integration des Konzepts in die regulären Abläufe. Eine nachhaltige Umsetzung war jedoch nur möglich, indem alle personellen, methodischen, organisatorischen und materiellen Voraussetzungen in den Kitas realisiert wurden. „Pfiffikus“ bedeutete damit eine tief greifende Umorganisation und teilweise veränderte konzeptionelle Ausrichtung der beteiligten Kitas.
Nach Ablauf der Projektphase ergeben sich im Rahmen der Prozessevaluation wertvolle Erfahrungen, die im Sinne der Nachhaltigkeit bei ähnlichen Vorhaben berücksichtigt werden sollten. So ist bei solch grundlegenden Änderungen mit Widerständen zu rechnen, deren Überwindung im Vorhinein mit eingeplant werden sollten. Eventuell bestehende Ängste vor Veränderung müssen geduldig durch gute Kommunikation abgebaut werden.
Organisatorische Seite: Es sind Personal und Informationsfluss zu sichern. Kitaleitung und Eltern müssen eingebunden werden. Die Implementation eines neuen Konzepts bedarf einer genauen vorherigen Analyse der vorliegenden Bedingungen und genügend Zeit zum schrittweisen Vorgehen. Es ist für genügend Freiraum (zeitlich wie räumlich) für Bewegung zu sorgen!
Pädagogische Seite: Es genügt nicht, die pädagogischen Inhalte zu vermitteln, sie sind in eine verständliche transparente Systematik zu bringen und methodisch aufzubereiten. Pädagogisches Arbeiten setzt auch in der Kita planvolles Vorgehen voraus. Kurz- und mittelfristige Planungsinstrumente sind – sofern noch nicht vorhanden - einzuführen. Hierzu gehört auch, wiederkehrende plan- und abrechenbare Organisationsformen zu schaffen. Rituale Schaffen Struktur und Regelmäßigkeit im Tagesverlauf. Materialien sind sparsam aber effektiv und gezielt einzusetzen. Der Betreuungsstil ist meist stark durch enge Erziehervorgaben geprägt. Das Kind sollte demgegenüber mehr zum Akteur werden, die Erzieherin diesen Prozess durch vorbereitete Umgebungen animieren und begleiten. Erzieherinnen sollten sich mehr im Sinne der Begleiterin des Kindes auf dessen Weg zur Selbstständigkeit begreifen.
Es zeigte sich wiederholt, dass die Einführung von Inhalten und Methoden über Multiplikatoren (Erzieherinnen) nicht effektiv funktioniert. Es bedarf einer systematischen, wiederholten und kontinuierlichen Instruktion und Supervision mit allen Beteiligten in der Einrichtung selbst!
Die Ergebisevaluation basierte auf motorischen und kognitiven Entwicklungstests. Das Design der Studie erfüllt allerdings die Anforderungen an eine kontrollierte Längsschnittstudie nicht, da eine zeitlich parallel laufende echte Kontrollgruppe (aus verschiedenen Gründen) fehlt. Es werden statt dessen Vergleiche mit aktuellen Referenzwerten bzw. Kontrollgruppen im Querschnitt gezogen.
Die Ergebnisse der motorischen – insbesondere koordinativen – Tests sprechen für einen guten Effekt des Projekts, wenn auch nicht einheitlich. Nach vergleichbarer Leistungsfähigkeit zu Beginn der Intervention zeigten sich die „Pfiffikuskinder“ am Ende koordinativ deutlich leistungsfähiger als eine Potsdamer Kontrollpopulation. Dies konnte allerdings bei einem weiteren - nichtstandardisierten - Ein-Bein-Gleichgewichts-Test nicht bestätigt werden. Beim standardisierten Entwicklungstest ET 6-6 ließ sich ein positiver Entwicklungstrend in den Bereichen Körpermotorik, Strategie, expressive Sprache und teilweise im sozialen Verhalten erkennen. Im kognitiven Bereich starteten die Interventions-Kinder deutlich unterdurchschnittlich um sich am Ende sehr genau in der Altersnorm einzuordnen.
Es lässt sich noch keine abschließende Bewertung dahingehend fällen, ob das Ziel, neben der motorischen auch die kognitive Entwicklung nachhaltig zu fördern, erreicht wurde. Ein eventuell eingetretener Effekt bezüglich der neuronalen Reifung könnte sich möglicherweise erst mit zeitlichem Nachlauf niederschlagen. Eine abschließende Bewertung der Ergebnisse kann daher erst erfolgen, wenn die weitere Entwicklung der Pfiffikus-Kinder in der Grundschule mit betrachtet wird.
Zur Weitergabe von Projektkonzept und –erfahrungen entwickelte das Team eine Plattform für Bewegungs- und Kognitionsförderung im Kindergarten, die vor allem für Fortbildungseinrichtungen, Kindertageseinrichtungen und Erzieherinnen eine Anlaufstelle darstellt. Es entstand eine Fortbildungsreihe für Erzieherinnen und Lehrer/innen. Dabei kommt auch die in der Projektzeit entwickelte und inzwischen praxiserprobte Übungssammlung in Form einer Kartei zum Einsatz. Auf Initiative der AOK – Die Gesundheitskasse in Brandenburg wurde die Kartei inzwischen produziert. Mit der Firma Wehrfritz konnte ein leistungsfähiger Partner zur Verbreitung von Kartei und Fortbildungsangebot gewonnen werden.
Die Inhalte und Ergebnisse des Projekts wurden über diverse Publikationen und Tagungen verbreitet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt das Pfiffikus-Konzept Einrichtungen als „Model of Best Practice“.
Fazit: Das Praxiserprobungsprojekt „Pfiffikus durch Bewegungsfluss“ hat gezeigt, dass eine Ausrichtung der pädagogischen Arbeit in Kindergärten mit Schwerpunkt auf motorische und kognitive Förderung möglich ist und letztendlich damit auch die erwünschten Entwicklungsimpulse für Kinder zu erzielen sind. Es hat außerdem die Grundlagen für eine Multiplikation des Konzepts gelegt. Es ist mit einem Nachlauf des Interventionseffekts in der Grundschule zu rechnen. Daher wird in einem Anschlussprojekt „Pfiffikus II“ ein follow up der Interventionskinder im Vergleich mit einer Kontrollgruppe erfolgen. Nach Ansicht des Projektleiters rechtfertigen die praktischen wie inhaltlichen Ergebnisse des Projekts – auch unter Beachtung der gemachten Einschränkungen – eine Umsetzung in der Praxis. Eine weiterführende kontrollierte Längsschnittstudie wäre zu wünschen.
Prof. Frank Bittmann
Projektleiter |