Anzeichen einer Verschlechterung der Motorik und des allgemeinen Gesundheitszustandes unserer Kinder



Auf Grund der Vielzahl auffälliger Faktoren bei unseren Kindern ist von einem systematischen Problem auszugehen. Das bedeutet, dass es sich bei diesen Erscheinungen nicht um isolierte Einzeldefizite handelt, sondern möglicherweise eine generalisierte Fehlentwicklung vorliegt, die sich in verschiedenen Symptomatikenäußern kann. Das all den defizitären Funktionen zu Grunde liegende integrative System ist das Nervensystem. Generalisierte Funktionseinschränkungen des Nervensystems (in Wechselwirkung mit allen regulativen Systemen wie Immun- und Hormonsystem) können die verschiedenen genannten Probleme erklären. Ein nicht hinreichend ausgereiftes Nervensystem beeinträchtigt Koordination und Kognition gleichermaßen.

Bewegung–Grundvoraussetzung für eine gesunde Entwicklung

In keiner anderen Lebensphase wenden sich Kinder mit so großer Begeisterung und so viel Neugierde ihrer Umwelt zu, wie in der Zeit vom 4. bis zum 11. Lebensjahr. Bewegung ist hier der wichtigste Entwicklungsreiz für den kindlichen Organismus. Neben stauchenden Kräften, die die Knochenreifung stimulieren oder verschiedenen Kraftentfaltungen, die die Entwicklung der Muskeln und Sehnen ermöglichen, ist Bewegung in erster Linie ein essentieller Reiz für die Ausreifung der Strukturen des zentralen Nervensystems.

Das Vor- und Grundschulalter ist die zeitlich limitierte sensitive Phase, innerhalb der–neben anderen Strukturen–insbesondere das Nervensystem zur weit gehenden Ausreifung gelangt. Durch Bewegungsreize werden die weit verzweigten, komplexen und auf beide Hirnhälften verteilten motorischen Zentren aktiviert und somit entwickelt. Man kann davon ausgehen, dass damit ein positiver Entwicklungsreiz auch für andere Hirnleistungen gesetzt wird. Versäumnisse in dieser Zeit sind nicht adäquat aufholbar.

Die Hinweise auf vorhandene Auffälligkeiten bei unseren
Kindern im motorischen Bereich häufen sich zunehmend und werden durch verschiedenste Untersuchungen auch bestätigt. 2004 hat die Forschungsgruppe um Klaus Bös die Ergebnisse einer Studie mit knapp 1500 Grundschulkindern aus 33 deutschen Schulen vorgestellt, wobei eine Verbesserung bei der Maximalkraft, aufgrund größerer und schwerer Kinder als früher, festgestellt wurde. Was die Bereiche Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination betrifft, schneiden die Schüler der Bös - Studie aber deutlich schlechter ab. Die meisten Kinder haben Probleme mit Grundfertigkeiten wie Laufen, Klettern, Werfen und Springen. Beispielsweise schafften beim Laufen zehnjährige Jungen im Jahr 1976 im Durchschnitt noch 1024 Meter in sechs Minuten, 1996 sind es nur noch 876 Meter.
Viele Erzieherinnen in Kindergärten und Sportlehrer an Grundschulen berichten ebenfalls von dem Phänomen der Zunahme förderbedürftiger Kinder. Während die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit hervorragender Kompetenz im motorischen Bereich gestiegen ist, gibt es aber immer mehr Kinder mit schwachen Leistungen (Rusch, 2001). Sportskanonen, die - von den Eltern gefördert - im Verein trainieren, teilen sich die Klassen mit besonders ungelenken und dicklichen„Stubenhockern“. Es scheint so, dass die Spanne zwischen motorisch auffälligen und motorisch sehr guten Kindern sich stetig vergrößert und„normale“Durchschnittsleistungen zur Seltenheit werden. Aber nicht allein die motorischen Auffälligkeiten geben Anlass zur Sorge. Umfassend berichten Landesgesundheitsämter und Krankenkassen von der Zunahme an Allergien, Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten sowie Adipositas (Fettleibigkeit) bei Kindern. Meist gehen diese einher mit motorischen Defiziten, so dass bereits klinische Indikationen bestehen. Es scheint so, dass körperliche Fehlentwicklungen Hand in Hand mit solchen des Nerven- und Immunsystems einher gehen.

Mögliche Ursachen

Die Ursachen mangelnder motorischer Kompetenzen sind vielfältig und wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Seit Anfang der 90er Jahre scheinen die aufgezeigten Defizite eine größere Dynamik aufzuweisen. Wenn man die Lebensbedingungen in den 90ern betrachtet, ist diese durch eine stark ansteigende Entwicklung der Kommunikationstechnologie geprägt. Computerspiele, Fernsehen und Handys verändern zunehmend die Lebensumwelt der Kinder und führen zusehend zu einer Bewegungsverarmung. Wichtige motorische Entwicklungsreize gehen daher bereits vom Vorschulalter an verloren.

Das Modellprojekt„Pfiffikus durch Bewegungsfluss

Das Institut für Sportmedizin und Prävention der Universität Potsdam hat vor dem Hintergrund der neuronalen Ausreifungsphase in einem 3-jährigen Landesmodellprojekt unter der Leitung von Prof. Frank Bittmann ein spezielles Bewegungskonzept für Kinder im Vorschulalter entwickelt und in der Praxis erfolgreich in 4 Potsdamer Kindergärten erprobt. Unterstützt wurde das Projekt von der AOK Brandenburg - die Gesundheitskasse, dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport und dem Internationalen Bund. Das Projekt„Pfiffikus durch Bewegungsfluss“ verfolgte das Ziel, die Phase der maximalen Hirnreifung (zwischen 4. und 11. Lebensjahr) durch den gezielten Einsatz von ausgesuchten Bewegungsübungen optimal zu fördern. Im Ergebnis sollte die in dieser Zeit intensiv vor sich gehende Vernetzung von Hirnstrukturen verbessert werden, um somit beim Kind optimale biologische Bedingungen für eine harmonische, ganzheitliche Entwicklung auf hohem Niveau zu schaffen. In Zusammenarbeit mit dem Universitätsteam und den Erzieherinnen im Kindergarten konnten zahlreiche Erfahrungen gesammelt werden, welche organisatorischen, zeitlichen und persönlichen Voraussetzungen notwendig sind, um ein bewegungsmaximiertes Konzept im Kindergarten umzusetzen. Es entstand dabei eine gelungeneÜbungssammlung und eine Fortbildungsreihe für ErzieherInnen.

Das Konzept

Im Anschluss an das Projekt "Pfiffikus durch Bewegungsfluss“ wollen wir unsere Ergebnisse und Erfahrungen zur kognitiven und motorischen Entwicklung von Kindern im Vorschulalter weiter anwenden. Eine tragende Säule bleibt die Bewegungsförderung. Die Konzentration auf Kinder im Vorschulalter ergibt sich zum einen aus der Kenntnis, das dies die wichtigste Zeit für die Ausreifung des Gehirns ist, zum anderen aus den Erfahrungen, das es zu wenig Grundangebote zur allgemeinen Bewegungs- und Sinnesschulung für diese Altersgruppe gibt. Ein Diagnostik- und Beratungsbereich soll kognitive und motorische Auffälligkeiten erkennen oder bestätigen und die Vermittlung zu bewegungsfördernden Maßnahmen unterstützen.

„Pfiffikus durch Bewegungsfluss“ will Kinder bewegen und fördern, sowie Erzieher und Eltern durch Beratung und Fortbildung interessieren und motivieren.

 
 
 
 


© Janine Wolf